Insurtech (auch: InsurTech; Kurzwort aus dem Englischen insurance „Versicherung“ und technology „Technologie“) bezeichnet Unternehmen und Geschäftsmodelle, die die traditionelle Versicherungsbranche durch digitale Technologien verändern. Ähnlich wie der Begriff Fintech im Bankwesen steht Insurtech für die Disruption etablierter Strukturen — durch datengetriebene Prozesse, automatisierte Risikoprüfung und neuartige Vertriebskanäle.
Hintergrund und Entstehung
Die Versicherungsbranche galt lange als einer der konservativsten Zweige der Finanzwirtschaft. Papiergebundene Prozesse, komplexe Produktstrukturen und starre Vertriebswege über Makler und Agenturen prägten das Bild über Jahrzehnte. Mit der Verbreitung von Smartphones und Cloud-Computing entstand ab Mitte der 2000er-Jahre eine neue Gründerwelle.
Der Begriff Insurtech etablierte sich im deutschsprachigen Diskurs spätestens um 2015. Treiber waren technologischer Fortschritt und veränderte Konsumerwartungen. Versicherungsnehmer verlangten zunehmend nach transparenten, flexibel buchbaren und digital abschließbaren Policen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beobachtet seitdem aktiv die Kooperationsdynamiken zwischen etablierten Versicherern und Neugründungen.[1]
Technologische Grundlagen von Insurtech
Insurtech-Unternehmen stützen sich auf ein Bündel moderner Technologien. Erst deren Kombination ermöglicht die neuen Geschäftsmodelle.
Kerntechnologien im Insurtech-Einsatz
Die wichtigsten technologischen Bausteine lassen sich wie folgt beschreiben:
- Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen: Algorithmen analysieren große Datenmengen. Damit lassen sich Risiken präziser kalkulieren, Schadensmuster frühzeitig erkennen und Betrugsfälle identifizieren.
- Big Data und Telematik: Sensordaten aus vernetzten Fahrzeugen, Wearables oder Smart-Home-Geräten fließen in die Risikoberechnung ein. Das Ergebnis ist eine nutzungsbasierte Versicherung (engl. Usage-Based Insurance, UBI). Der Beitrag passt sich dabei an das tatsächliche Verhalten des Nutzers an.
- Application Programming Interfaces (APIs): Offene Schnittstellen ermöglichen es, Versicherungsleistungen in Drittplattformen zu integrieren. Reisebuchungsportale oder Onlineshops können so nahtlos Schutz anbieten. Dieses Konzept heißt Embedded Insurance.
- Blockchain: Dezentrale Buchführungstechnologie speichert Vertragsdaten manipulationssicher. Automatische Auszahlungen über Smart Contracts werden dadurch möglich.
- Robotic Process Automation (RPA): Software-Roboter übernehmen wiederkehrende Aufgaben wie Schadensmeldungen oder Vertragsverlängerungen.
Die Kombination dieser Technologien senkt Betriebskosten deutlich. Produkte lassen sich in einem Bruchteil der traditionellen Entwicklungszeit auf den Markt bringen.
Geschäftsmodelle und Marktsegmente
Innerhalb des Insurtech-Ökosystems lassen sich verschiedene Typen unterscheiden. Sie adressieren unterschiedliche Teile der Wertschöpfungskette.
| Modell-Typ | Beschreibung | Beispiele |
|---|---|---|
| Volldigitaler Versicherer (Full-Stack) | Trägt selbst das Versicherungsrisiko; benötigt BaFin-Lizenz | Lemonade (USA), Wefox, Neodigital (DE) |
| Digitaler Makler / Broker | Vermittelt Policen bestehender Versicherer über digitale Kanäle | Clark, Getsafe (früher), CHECK24 (teilw.) |
| Embedded Insurance | Versicherungsschutz wird kontextbezogen in andere Produkte eingebettet | Reisestornoschutz beim Ticketkauf |
| B2B-Technologieanbieter | Liefert Softwarelösungen oder API-Infrastruktur an etablierte Versicherer | Cognotekt, Kasko |
| Peer-to-Peer-Versicherung (P2P) | Gruppen von Nutzern teilen Risiken und Rücklagen gemeinschaftlich | Friendsurance (DE, frühes Modell) |
Neben Neugründungen, die den gesamten Versicherungsprozess digital abbilden wollen, sind B2B-Lösungen inzwischen besonders marktrelevant. Etablierte Versicherer kaufen gezielt Technologiekomponenten zu.[2]
Regulierung und aufsichtsrechtlicher Rahmen
Insurtech-Unternehmen unterliegen denselben aufsichtsrechtlichen Anforderungen wie konventionelle Versicherer. Wer selbst Versicherungsrisiken übernimmt, benötigt eine Zulassung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Für reine Vermittler gelten die Vorgaben der EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie (Insurance Distribution Directive, IDD). Sie legt Transparenz- und Beratungspflichten fest.
Die BaFin hat darauf hingewiesen, dass Insurtech-Gründer die notwendige Eigenkapitalausstattung häufig unterschätzen. Strengere Zulassungsstandards können das Marktwachstum bremsen, sichern aber die Systemstabilität.[3] Zusätzlich greift die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bei der Verarbeitung sensibler Gesundheits- und Nutzerdaten. Das ist vor allem für Telematik- und Wearable-basierte Angebote relevant.
Verhältnis zu traditionellen Versicherern
Die Beziehung zwischen etablierten Versicherungskonzernen (sogenannten Incumbents) und Insurtech-Startups hat sich gewandelt. Aus anfänglichem Konkurrenzverhältnis wurden vielfältige Kooperationsmodelle. Großkonzerne beteiligen sich über Corporate-Venture-Fonds an Neugründungen, lizenzieren deren Technologie oder integrieren sie als Vertriebspartner.
Umgekehrt profitieren Insurtechs von der Risikoträgerschaft, dem Kundenstamm und der Compliance-Expertise der etablierten Häuser. Der GDV beschreibt das Modell so: Insurtechs liefern die digitale Nutzererfahrung, Großkonzerne stellen Kapital und Regulierungsstrukturen bereit.[1] Die Fachliteratur bezeichnet dieses Muster als Co-opetition — eine Mischform aus Kooperation und Wettbewerb.
Bedeutung und kritische Einordnung
Insurtech steht exemplarisch für die breitere Digitalisierungswelle im Finanzsektor. Bitkom e. V. sieht in der digitalen Versicherung einen Wachstumsmarkt, der die Branchenstruktur langfristig verändert.[4] Kritisch wird angemerkt, dass viele Geschäftsmodelle bislang keinen nachhaltigen Weg zur Profitabilität aufgezeigt haben. Sie bleiben stark von Risikokapital abhängig.
Insurtech bezeichnet damit nicht allein eine Unternehmenskategorie. Der Begriff beschreibt einen anhaltenden Transformationsprozess, der die gesamte Wertschöpfungskette der Versicherungswirtschaft — von der Produktentwicklung über den Vertrieb bis zur Schadenregulierung — grundlegend neu gestaltet.
Literaturempfehlungen
- Patrick Maas, Walter Ackermann, Marcus Weissenberger (Hrsg.): Digital Insurance. Springer, Berlin/Heidelberg 2020.
Fußnoten
- ↑ GDV: Kooperation zwischen Versicherern und Insurtechs – Hintergründe und Modelle
- ↑ Computerwoche: Wie Insurtech-Firmen die Versicherungen herausfordern
- ↑ Handelsblatt: BaFin erhöht die Hürden bei der Zulassung von Insurtechs
- ↑ Bitkom: Digital Insurance & InsurTech – Digitale Transformation der Versicherungsbranche