Data Maturity (deutsch: Datenreife) bezeichnet den Reifegrad, den eine Organisation im Umgang mit Daten erreicht hat. Das Konzept zeigt, wie gut ein Unternehmen oder eine Behörde Daten erhebt, pflegt und für Entscheidungen nutzt. Gemessen wird die Datenreife auf einer mehrstufigen Skala – dem sogenannten Data Maturity Model.
Konzept und Bedeutung der Data Maturity
Das Konzept beantwortet eine zentrale Frage: Wie weit ist eine Organisation auf dem Weg zu einem datengesteuerten Betrieb? Unternehmen mit geringer Datenreife arbeiten oft mit isolierten Datenbeständen. Prozesse sind kaum standardisiert, Definitionen nicht einheitlich.
Unternehmen mit hoher Datenreife betreiben dagegen ein systematisches Master Data Management. Sie nutzen Daten aktiv für Prognosen und binden datengestützte Entscheidungen fest in ihre Abläufe ein.
Daten gelten heute in fast allen Branchen als strategische Ressource. Wer den eigenen Reifegrad kennt, kann Maßnahmen besser planen und Budgets gezielt einsetzen. Damit ist Data Maturity ein wichtiges Steuerungsinstrument in Projekten der Digitalen Transformation.
Stufen des Data Maturity Models
Das Modell teilt die Datenreife in aufeinander aufbauende Stufen ein. Je nach Framework sind vier bis fünf Stufen üblich.
Die fünf Stufen der Data Maturity im Überblick
Bekannte Modelle wie das CMMI und das DMM nutzen meist fünf Stufen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:
| Stufe | Bezeichnung | Kernmerkmal |
|---|---|---|
| 1 | Initial / Ad hoc | Daten werden unsystematisch genutzt. Keine einheitlichen Prozesse. |
| 2 | Repeatable / Managed | Grundprozesse sind definiert, aber noch nicht standardisiert. |
| 3 | Defined / Standardized | Prozesse sind dokumentiert und unternehmensweit gültig. |
| 4 | Managed / Quantitatively Managed | Datenqualität wird gemessen und aktiv gesteuert. |
| 5 | Optimizing / Innovating | Laufende Verbesserung; prädiktive Analysen sind Standard. |
In der Praxis befinden sich Abteilungen eines Unternehmens oft auf verschiedenen Stufen. Ein einheitlicher Reifegrad über alle Bereiche ist die Ausnahme.
Dimensionen und Bewertungskriterien
Die Datenreife wird entlang mehrerer Dimensionen bewertet. Zentrale Felder sind:
- Datenstrategie: Gibt es eine klare, von der Führung getragene Strategie für den Umgang mit Daten?
- Datenqualität: Sind Daten vollständig, konsistent und aktuell?
- Data Governance: Gibt es klare Verantwortlichkeiten und Regeln für Daten?
- Technologie & Infrastruktur: Wie gut sind Datenspeicherung und Analyseplattformen aufgestellt?
- Datenkultur: Nutzen Mitarbeiter Daten als Grundlage für Entscheidungen?
- Analysetiefe: Reicht die Nutzung von einfachen Berichten bis zu prädiktiven Modellen?
Manche Frameworks ergänzen diese Felder um Datensicherheit und Compliance. Das Bitkom-Modell unterscheidet zusätzlich zwischen der technischen Bereitstellung von Daten und ihrer gesellschaftlichen Nutzbarkeit.[1]
Bekannte Referenzmodelle für die Datenreife
Es gibt mehrere anerkannte Modelle zur Messung der Datenreife. Die wichtigsten sind:
- CMMI DMM: Das Data Management Maturity Model des CMMI Institute bewertet Datenprozesse in sechs Bereichen.
- DAMA-DMBOK: Das Data Management Body of Knowledge des DAMA International legt Best Practices für alle Disziplinen des Datenmanagements fest.
- Gartner Maturity Model: Dieses Modell bewertet Daten- und Analysekompetenz aus einer Geschäftsperspektive.
- Open Data Maturity Model (EU): Das Europäische Datenportal prüft jährlich alle EU-Mitgliedstaaten in den Bereichen Policy, Impact, Portal und Quality.[2]
Je nach Ziel – internes Benchmarking, öffentlicher Sektor oder datengetriebenes Marketing – empfiehlt sich ein anderes Modell. Für Unternehmen, die Data Driven Marketing einführen wollen, sind vor allem die analytischen Stufen entscheidend.
Data Maturity im öffentlichen Sektor
Auch Behörden und staatliche Stellen nutzen Reifegradmodelle für Daten. Die EU veröffentlicht regelmäßig den Open Data Maturity Report. Er bewertet, wie weit die Mitgliedstaaten bei offenen Daten vorangekommen sind.
Deutschland verzeichnete in jüngeren Erhebungen deutliche Zuwächse: Im Bereich Impact stieg der Wert um 21 Prozentpunkte, im Bereich Portal um 18 Prozentpunkte.[3] Das Datenportal GovData wertet dies als Fortschritt bei Transparenz und Bereitstellung öffentlicher Daten.
Im staatlichen Bereich stehen andere Ziele im Vordergrund als in der Privatwirtschaft. Wichtig sind Transparenz, Interoperabilität und gesellschaftlicher Nutzen. Bewertet werden daher vor allem Lizenzierung, Auffindbarkeit und Maschinenlesbarkeit. Auch im Bereich Logistik 4.0 gewinnt die Datenreife öffentlicher Stellen an Bedeutung.
Nutzen und Grenzen
Das Modell bietet vor allem Orientierung. Organisationen erhalten eine klare Basis, um Datenprojekte zu priorisieren und Fortschritte zu messen. Zudem erleichtern Reifegrade die interne Kommunikation. Komplexe Zusammenhänge werden in verständliche Stufen übersetzt.
Es gibt aber auch Grenzen. Reifegradmodelle vereinfachen die Wirklichkeit. Eine hohe Stufe garantiert keinen Erfolg – ohne die passende Strategie nützt sie wenig. Manche Unternehmen optimieren auf einen höheren Reifegrad, ohne echten Mehrwert zu erzeugen. Außerdem basieren viele Bewertungen auf Selbstauskünften, die nicht immer verlässlich sind.
Trotzdem gilt Data Maturity heute als bewährtes Werkzeug im Datenmanagement. Unternehmen und Behörden weltweit setzen es ein, um ihre Datenstrategie zu planen und weiterzuentwickeln.
Literaturempfehlungen
- DAMA International: DAMA-DMBOK: Data Management Body of Knowledge. 2. Auflage. Technics Publications, New Jersey 2017, ISBN 9781634622349.
- Peter Aiken, Juanita Billings: Monetizing Data Management. Technics Publications, New Jersey 2013.
Fußnoten
- ↑ Bitkom: Open Data Maturity Modell – Bestimmung des Reifegrads und Benchmarking von Organisationen (PDF)
- ↑ Europäisches Datenportal (data.europa.eu): Open Data Maturity – Studie zum Reifegrad offener Daten in Europa
- ↑ GovData – Das Datenportal für Deutschland: Verbesserungen Deutschlands im EU Open Data Maturity Report (Impact +21 Pkt., Portal +18 Pkt.)