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Conversational Commerce

Conversational Commerce bezeichnet eine Form des digitalen Handels, bei der Kaufprozesse über gesprächsbasierte Kanäle stattfinden – etwa über Messenger-Apps, Chat-Interfaces, Sprachassistenten oder KI-gestützte Chatbots. Der Dialog zwischen Anbieter und Käufer steht im Mittelpunkt. Transaktionen werden direkt im Gesprächskontext ermöglicht.

Begriffsherkunft und Einordnung

Der Begriff wurde maßgeblich durch den US-amerikanischen Technologiejournalisten Chris Messina geprägt. Er verwendete ihn 2015 in einem Artikel auf der Plattform Medium. Messina beschrieb den Trend, Handelsprozesse in Messaging-Umgebungen zu verlagern. Als Treiber sah er den raschen Aufstieg von WhatsApp, Facebook Messenger und WeChat.

Im deutschen Sprachraum wird der Begriff oft mit C-Commerce abgekürzt. Das Konzept gehört zum Omnichannel-Handel. Dabei sprechen Unternehmen Kunden über mehrere verknüpfte Kanäle an. C-Commerce erweitert diesen Ansatz: Kaufvorgänge werden direkt im Gesprächsfluss möglich.

Technologische Grundlagen von Conversational Commerce

Die technische Basis bilden mehrere zusammenwirkende Bereiche. Im Kern stehen Natural Language Processing (NLP) und Natural Language Understanding (NLU). Diese Verfahren der Computerlinguistik erkennen und interpretieren menschliche Sprache. Erst dadurch können Chatbots oder Sprachassistenten Kundenanfragen korrekt einordnen und beantworten.

Maschinelles Lernen und große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) kommen ergänzend zum Einsatz. Sie ermöglichen mehrstufige, kontextsensitive Dialoge. Messaging-APIs verbinden die Handelsplattform mit externen Messenger-Diensten. Bestellungen, Zahlungen und Statusabfragen lassen sich so direkt im Chat abwickeln.

Conversational Commerce in der technischen Umsetzung

Für die technische Integration gibt es mehrere Ansätze. Regelbasierte Bots folgen festen Entscheidungsbäumen. Sie eignen sich für standardisierte Anfragen wie Bestellstatus oder Rückgaben. KI-basierte Systeme führen offenere Dialoge und sprechen persönliche Empfehlungen aus. Hybridlösungen verbinden beide Ansätze. Routineanfragen werden automatisiert bearbeitet. Bei komplexen Anliegen übernimmt ein Mensch – der sogenannte Human Handover.

Die Anbindung an Warenwirtschaft, CRM und Zahlungsinfrastruktur ist dabei Pflicht. Nur so sind Transaktionen direkt im Gesprächskanal möglich.

Kanäle und Einsatzbereiche

Gesprächsbasierter Handel findet auf verschiedenen Kanälen statt. Je nach Zielgruppe werden sie unterschiedlich eingesetzt.

  • Messenger-Apps (WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram, WeChat): Unternehmen erreichen Nutzer im gewohnten Alltags-Chat. WhatsApp Business erlaubt Beratung und Bestellung in einer Unterhaltung.
  • Website-Chatbots: Chat-Widgets in Online-Shops begleiten Besucher beim Kauf. Sie beantworten Fragen in Echtzeit und helfen, Kaufabbrüche zu vermeiden.
  • Sprachassistenten: Alexa, Google Assistant oder Siri ermöglichen sprachgesteuerte Bestellprozesse. Besonders bei Alltagsprodukten und Wiederholungskäufen werden sie genutzt.
  • Social-Commerce-Kanäle: Instagram und TikTok setzen Direktnachrichten als Vertriebsweg ein. Automatisierte Antworten auf Kommentare sind dort üblich.

Laut einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hatten 63 Prozent der Befragten im Jahr 2021 bereits mit Chatbots interagiert.[1] Das zeigt die wachsende Akzeptanz solcher Systeme.

Potenzial und Grenzen

Gesprächsbasierter Handel bietet klare Vorteile. Für Unternehmen verkürzen sich Verkaufszyklen, da Beratung und Transaktion im selben Kanal stattfinden. Im Dialog entstehen Nutzerdaten, die Personalisierung ermöglichen. Drittanbieter-Cookies werden dadurch weniger wichtig – ein Vorteil angesichts neuer Datenschutzregeln.[2] Kunden schätzen die Bequemlichkeit: Der Kauf findet im gewohnten Chat statt – kein separater Shop-Besuch nötig.

Grenzen bestehen jedoch. Hochwertige KI-Systeme sind teuer in Entwicklung und Betrieb. Dialekte und Mehrdeutigkeiten führen zu Missverständnissen. Nicht alle Nutzer vertrauen Chat-Interfaces bei der Zahlungseingabe.

Die DSGVO schränkt die Implementierung zusätzlich ein. Werden Kundendaten über Drittanbieter-Messenger übertragen, entstehen datenschutzrechtliche Risiken.[3]

Abgrenzung zu verwandten Konzepten

Conversational Commerce wird manchmal mit Chatbot-Marketing gleichgesetzt. Das ist ungenau. Chatbot-Marketing zielt auf Marketingzwecke wie Lead-Generierung. C-Commerce schließt den gesamten Kaufprozess ein – von der Produktentdeckung bis zur Bezahlung. Auch menschengeführte Dialoge gehören dazu.

Vom klassischen Live-Chat-Support unterscheidet sich das Konzept ebenfalls. Support-Chats reagieren nach dem Kauf auf Probleme. C-Commerce bindet den Dialog aktiv in die Kaufentscheidung ein. Eine gute User Experience ist dabei zentral. Der Übergang von Beratung zu Transaktion soll fließend verlaufen.

Social Commerce und Conversational Commerce überschneiden sich, sind aber nicht gleich. Social Commerce schließt auch Formate ohne Dialog ein, etwa Shoppable Posts. Conversational Commerce setzt immer ein interaktives Gespräch voraus.

Marktentwicklung

Das weltweite Marktvolumen für Conversational Commerce wächst seit Anfang der 2020er-Jahre stetig. Treiber sind mehr Messenger-Nutzung, stärkere KI-Sprachmodelle und wachsender mobiler E-Commerce.[4] In Ostasien gilt das Konzept bereits als Standard. In China laufen Zahlung und Bestellung seit Jahren direkt über WeChat.

In Europa ist die Verbreitung noch geringer, nimmt aber zu. WhatsApp Business und KI-Assistenten treiben den Wandel voran. Einzelhandel, Touristik und Finanzdienstleistungen gelten als besonders wachstumsstark. Conversational Commerce zählt damit zu den wichtigsten Trends im digitalen Handel der 2020er-Jahre.

Literaturempfehlungen

  • Gerrit Heinemann: Der neue Online-Handel. Geschäftsmodell und Kanalexzellenz im Digital Commerce. Springer Gabler, Wiesbaden 2023, ISBN 9783658203535.
  • Ralf T. Kreutzer: Praxisorientiertes Digital Marketing. Springer Gabler, Wiesbaden 2021.

Verwandte Begriffe

Fußnoten

  1. Conversational Commerce: Eine Einordnung – Studie ZHAW zur Chatbot-Akzeptanz (Internet World / W&V)
  2. Conversational Commerce: Definition, Vorteile und Use Cases (OMR Reviews)
  3. Conversational Commerce: So gelingt der Einstieg – Datenschutz und DSGVO (t3n)
  4. Marktgröße und Entwicklung des Conversational Commerce weltweit (Statista)